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Gallusjubiläum

St. Gallen, 20.04.2012 - Rede von Bundesrat Alain Berset - Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren

Er habe Fieber gehabt und sei deshalb hier in der Gegend geblieben, erzählt die Legende von Gallus. Sein Abt und Meister Columban zog mit den anderen Mönchen deshalb ohne ihn weiter nach Italien. Krankheit sei nicht der wahre Grund gewesen, liest man in der neueren Geschichtsschreibung über den Heiligen: Das Fieber stehe vielmehr für den inneren Kampf des irischen Mönchs.

Er war seinem Abt Columban bis hierher gefolgt, er hatte ihm Treue geschworen. Und nun, plötzlich, verweigerte er ihm die Gefolgschaft. Wollte seinen Schwur brechen.
Er nahm in Kauf, dass ihm Columban verbot, fortan zu predigen.
Er nahm in Kauf, dass dieser Entscheid zum endgültigen Bruch mit dem führte, was ihm bis anhin Heimat war – die Gemeinschaft seiner Mitbrüder.

Es braucht Mut, sich gegen alle und alles zu stellen, nur seiner eigenen Überzeugung gehorchend.
Gallus nahm sich die Freiheit, so zu entscheiden, wie es seiner Überzeugung entsprach. Und nicht so, wie es von ihm verlangt wurde.

In der Präambel der Bundesverfassung haben wir als Schweizervolk, das, was Gallus getan hat, so formuliert: Frei ist nur, wer seine Freiheit gebraucht.

Freiheit ist das grösste Gut der Menschen. Und es ist das unbequemste. Freiheit hat man nicht einfach, Freiheit muss man sich erkämpfen. Immer und immer wieder. Nicht zuletzt gegenüber sich selber und seinen eigenen Überzeugungen: Was uns einmal richtig schien, muss nicht immer richtig bleiben. Es kann uns allen passieren, dass wir an einen Punkt kommen, an dem uns die bisherigen Glaubenssätze nicht mehr Sicherheit und Kompass sind, sondern nur noch falsch tönen. Dass wir erkennen müssen, dass wir uns geirrt haben und der Moment gekommen ist, uns neu auszurichten.

Dann braucht es die innere Freiheit, sich einzulassen auf den dornigen Weg des freien Entscheids. Dornig deshalb, weil wir vom Gewohnten Abschied nehmen müssen. Und weil die Zukunft unsicher und nicht voraussagbar ist.
Auch für Gallus war es eine Reise ins Ungewisse. Er konnte nicht voraussehen, dass sich sein Abt auf dem Sterbebett mit ihm versöhnen sollte. Die Freiheit, die er sich nahm, mündete zuerst in Einsamkeit. Gallus zog sich zurück in den Wald, baute eine Klause, um sich weit ab von den Menschen nur auf die Natur und seinen Glauben zu konzentrieren. Doch bald schon zog er andere Menschen an. Er vollbrachte Heilungen und war der erste Missionar in Mitteleuropa, von dem man sich erzählt, dass er die Volkssprachen lernte.

Der Ort der Einsamkeit wurde so nach und nach zum Wallfahrtsort. Auch nach seinem Tod: Es sollte der Platz werden, an dem das Kloster St. Gallen errichtet wird. Hier entstand ein religiöses Zentrum, eine Stadt, ein Anziehungspunkt für Kultur und Wissen.

Ein eigenwilliger, irischer Mönch, der die Einsamkeit suchte, ist also verantwortlich für eine der wichtigsten Schweizer Städte und eine Stiftsbibliothek, die zum Unesco-Welterbe gehört

Die Schweiz hat sich immer die Freiheit genommen, offen zu sein zu Andersdenkenden. Und sie hat im Gegenzug profitiert von deren Originalität und Schöpferkraft.

Erlauben Sie mir, mir vorzustellen was wäre, wenn Gallus, der irische Mönch, heute in die Schweiz einreisen würde. Dank Schengenraum wäre es ihm als Iren gestattet, ohne Kontrolle die Grenze zu überqueren – vorausgesetzt das Reliquiensäcklein an seinem Wanderstock würde nicht als verzollbare Ware angesehen. Er könnte hier wandern und die Gegend erkunden. Möchte er sich als Heiler betätigen würde es schon schwieriger.

Wollte er die Sprachen lernen, würde das positiv vermerkt. Wollte er mit der neu erworbenen Sprache aber missionieren, würde sich rasch die Frage stellen, wie er zu unserem Wertesystem steht. Wir verlangen eine gewisse Anpassung, bevor wir jemanden in unsere Gemeinschaft aufnehmen.
Das ist auch richtig so. Trotzdem müssen wir aufpassen, dass wir nicht alles Fremde und Neue über den Kamm unserer Gewohnheiten und vermeintlichen Sicherheiten scheren.

Gallus hatte seine Frömmigkeit. Wir als heutige Gesellschaft haben Werte, die über den Religionen stehen. Wir haben dank Aufklärung und Menschenrechten einen Kodex erschaffen, der unser Zusammenleben regelt und jedem von uns Freiheiten und Rechte zuspricht. Dabei geht es nicht nur um fundamentale Rechte, die uns ein Leben in Würde sichern sollen. Es geht auch darum, dass wir diese Werte verteidigen, weil sie die Bedingung für die Freiheit des Denkens sind.

Wir müssen uns selber die Freiheit geben, zu dem zu stehen, was wir als richtig erachten. Im Wissen darum, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht.

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